Ubaldo Grazia: die älteste Keramik-Fabrik der Welt ist fünf Jahrhunderte alt

DERUTA – Es muss einen Grund geben, wenn ein Haufen berühmter Leute, die wir einfachmal “VIP‘s” oder Hollywood Stars nennen, wie Mel Gibson, Andy Garcia, Francis Ford Coppola, George Clooney, Paul Simon oder der Multimilliardär Randolph Hearst, Keramiken aus Deruta kaufen.

Und der Grund ist, dass Ubaldo Grazia, letzter Erbe der, mit ihrem 500jährigen Bestehen, ältesten Majolika Fabrik der Welt, schon vor 40 Jahren beschlossen hatte, Amerika als Bezugsmarkt zu wählen. Wenn man in den Vereinigten Staaten seinen Namen hinter einem Teller, unter einer Vase oder einer Schüssel geschrieben sieht, ist das eine Garantie für Qualität und Ansehen.

Und so kann man in den USA die Majoliken der Firma aus Deruta bei Tiffany, in den Boutiquen der 5th Avenue, in den großen Kaufhäusern wie Bergdorf&Goodman oder Saks, oder in den Ladenketten, die über alle 50 Staaten der Union verteilt sind, finden.

Ubaldo Grazia feiert am 10. Juni seinen 74. Geburtstag, aber obwohl die Krise nun auch erfolgreiche Firmen betrifft, denkt er nicht daran aufzuhören: „…ich bleibe bestimmt nicht hier und warte auf Kunden. Ich habe schon einen Flug nach New York gebucht, und gehe dorthin, wo die Dollars sind um mit jemandem zu reden, der 4 tausend Geschäfte leitet. Um ihn zu überreden, haben wir ein eigenes System patentiert um Porzellan, das resistenter ist als Majolika, zu bemalen, indem wir es mit einem speziellen System lackieren. Die Majoliken bleiben zwar unsere Stärke, aber um den Hotel und Restaurant Markt anzugreifen, mussten wir uns etwas Neues einfallen lassen, weil sie sich nach einige Waschgängen im Geschirrspüler abnutzten. So haben wir jetzt ein resistentes Produkt, das von den Meistern aus Deruta bemalt ist.“

Die Verbindung zu Amerika beginnt allerdings schon viel früher, mit einem anderen Ubaldo Grazia, dem Großvater unseres Gesprächspartners: „Er hat die Firma Anfang 1900 wieder auf die Beine gebracht und hat diese Fabrik an Stelle der alten, die seit dem 15. Jahrhundert im Zentrum stand, gebaut. Unsere Familie kam nach der großen Pest aus Emilia-Romagna hierher, weil die Städte dezimiert wurden und uns angeboten wurde zu emigrieren und ein Geschäft zu eröffnen. Eine Zeitangabe, die vor einigen Jahren von einer Nachforschung des The Economist bestätigt wird, die uns an dreizehnter Stelle in einer weltweiten Klassifizierung der noch heute aktiven Familienbetriebe sieht. Ich sprach über Großvater Ubaldo, er war ein Erneuerer, ein Bahnbrecher, fast ein Magier, wenn ich daran denke, wie er die Glasur einführte, eine ganz besondere Verarbeitung der Majoliken, gemeinsam mit Alpinolo Magnini, ein sehr guter Keramiker und Keramikexperte. Sie erfanden eine Vorgang, bei dem die Majoliken in Brennöfen ohne Sauerstoff gelagert wurden, in denen Ginster und Pferdenägel verbrannt wurden. Das war ein Geheimnis, und jedes Mal wurden die Öfen zerstört und wieder aufgebaut. Magnini und mein Großvater können als die Väter aller Keramiker aus Deruta gesehen werden.“

Ubaldo Grazia Senior war ein wahrer Erneuerer, “eine Art kleiner Adriano Olivetti aus Umbrien. Die ersten 60 Arbeiter der Fabrik, alles Teilhaber, waren ehemalige Soldaten und Veteranen des Ersten Weltkrieges, die so wieder in die Arbeitswelt eingeführt wurden. Wir waren in den 20ern aber hier gab es schon eine Turnhalle, mit Kletterwänden, Ringen, Kletterstangen und Seilen. Die Arbeiter, auch bis zu 160 in Zeiten des größten Glanzes, machten Sport und konnten sogar duschen, in einer Zeit, und das sollte man nicht vergessen, in der es noch keine Badezimmer in den Wohnungen gab. Die Wende kam mit Alice Mc Dougall, eine amerikanische Multimillionärin, die eine Café-Kette in den Vereinigten Staaten besaß und die in Italien verliebt war. Sie kam oft um Möbel und Lebensmittel zu kaufen und entdeckte dabei unsere Keramiken. Sie machte eine erschreckend große Bestellung für die damalige Zeit, ungefähr eine Million Euro unserer heutigen Zeit, mit denen mein Großvater einen ganzen Flügel der Fabrik baute. Es gibt immer noch die Schwarz-Weiß Fotos der hunderten von Holzfässern, in denen die Keramiken verpackt und gelagert wurden, die dann auf Esel und Karren zum Zug, ein ganzer Zug voll, gebracht wurden um sie dann von San Nicolò di Celle nach Livorno und anschließend per Schiff nach New York zu bringen. Die Fässer waren so schwer, dass spezielle Wälle gebaut wurden, um sie rollen zu können. Und so hat unser amerikanisches Abenteuer begonnen.“

Und Sie haben es von 1973 bis heute weiter ausgebaut: „Zu dieser Zeit habe ich mein Jura- Diplom in die Schublade gesteckt und als mein Vater Gaetano in den Ruhestand gegangen ist, habe ich das Ruder, auf meine Art und Weise, in die Hand genommen. Als erstes habe ich die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Grossisten unterbrochen, der uns mit den Preisen etwas erdrosselte, und bin jedes Jahr, auch drei oder vier Mal, persönlich zu den Ausstellungen und Messen geflogen. Es war eine Art Notwendigkeit, weil zu dieser Zeit die Perugina ihre 46 Läden in Italien geschlossen hatte die wir belieferten und das bedeutete unseren halben Umsatz. Ich begann nach San Francisco, Chicago, Dallas, New York zu fliegen wo ich auch bis zu einem Monat blieb, um Leute kennen zu lernen und mich bekannt zu machen. Ich habe nachgerechnet: ich habe mehr als 33 Thanksgiving Days, ihren wichtigsten Feiertag, dort verbracht. Eine Zeit lang habe ich nur Muster verkauft dann begannen die Bestellungen.  Zu Beginn unsere Klassiker: Ricco Deruta, Raffaelo, Arabesk, Verziert. Dann musste man einen Schritt weiter machen, die Kunden fragten immer wieder was es Neues gäbe. Und ich musste mir etwas einfallen lassen, ich konnte nicht bluffen. Die Idee war die Rhode Island School of Design in Providence, die berühmteste Kunstschule der Vereinigten Staaten, zu kontaktieren. Ich lernte Jackie Rice, eine Keramiklehrerin kennen und erzählte ihr von unserer Fabrik. So kam sie also nach Italien, setzte sich in einer dieser Räume und zeichnete eine gesamte Kollektion, ein modernes Muster, nach dem die Amerikaner verrückt waren. Nach ihr kamen dann hunderte von Künstlern, die mir die Türen zu diesem Markt geöffnet haben. Ich habe ganze Regale voll mit ihren Werken, oft Unikate, die es eines Tages wert sein würden ausgestellt und gezeigt zu werden.“

Und dann, fast wie durch Zauberei begannen die Aufträge für die Hollywood Stars, aber Vorsicht nichts zu verwechseln, weil, wie Ubaldo Grazia erklärt “jeder hat seine eigene Geschichte und es sind alles Produkte auf Bestellung. Welches war das schwierigste? Der Leidensweg für die Privatkirche von Mel Gibson in Malibu. Er bestellte sie über seine Frau, Robyn Moore, als er in Italien war, um The Passion zu drehen. Vierzehn kleine Schablonen 60×60, jede aus neun Kacheln bestehend und mit einem Rahmen in Schmiedeeisen, auch dieser handgemacht. Zwei Jahre Arbeit, schwierig aber gut bezahlt, muss ich sagen. So wie auch das Tischservice für 16 Personen für George Clooney, mit allen Masken der venezianischen Commedia dell’Arte, ein weiteres Tischservice und ein riesiges Cuba-Wappen für Andy Garcia, ein Haufen Sachen für meinen Freund Paul Simon, Teller mit Trauben und Weinblätter für Francis Ford Coppola, der nicht nur ein großartiger Regisseur ist, sondern auch Besitzer eines berühmten Weinkellers in Napa Valley, Kalifornien.“

Das Museum

Innerhalb des Fabrikgebäudes, ist im 2001 gegründeten Grazia Museum eine Sammlung von 690 Keramiken aufbewahrt, die dank der Produktionsmuster des letzten Jahrhunderts, die antiken Wurzeln und die Entwicklung der Grazia Fabrik dokumentiert.

Die Sammlung umfasst fünf Bereiche:

1) Eine synthetische Auswahl an Werken von Ende des 18.Jahrhunderts bis Anfang 19. Jahrhunderts der Maler Giuseppe Grazia, Angelo Micheletti, Alpinolo Magnini und Ubaldo Grazia, die die Gründer der Wiederaufnahme der antiken künstlerischen Traditionen von Deruta waren.

2) Antike Keramiken aus Deruta, die in den ersten zwanzig Jahren des 19. Jahrhunderts, vor Ort, von Ubaldo Grazia aus Studienzwecken und für die ikonographische und technische Forschung, gesammelt wurden. Außer einigen wenigen intakten Fundstücken, handelt es sich um Keramikfragmente vom 15. bis 17. Jahrhundert aus antiken Brennöfen, die auf Paneele montiert, im Mal-Raum ausgestellt sind für Studienzwecke und um Ornamente und Modelle für die moderne Herstellung zu entnehmen.

3) Die Experimente der Glasierung, dank der Werke von Ubaldo Grazia in den ersten zehn Jahren des 19. Jahrhunderts. Die antiken Öfen Grazia nahmen an der Gründung der Società Cooperativa per la Fabbricazione delle Maioliche (Genossenschaft für die Herstellung von Majoliken) in Deruta teil bis zur Gründung, am 1. Mai 1922, der neuen Fabrik mit dem Namen „Ditta Grazia Giuseppe Deruta. Riproduzione Artistiche in Maiolica.“

4) Keramiken der Grazia Fabrik (1922-1990): Eine umfassende Sammlung an Beispielen der Modelle und Dekorationen, die in dem 80jährigen Bestehen der Grazia Fabrik, hergestellt wurden. Die meisten basieren auf die Traditionen der Renaissance und des 16. Jahrhunderts in der Form (Apothekergefäße, Becher, Vasen auf hohem Sockel, Krüge, Kelche, Plastiken und Tischservice) und in den dekorativen Motiven (Ricco Deruta, Grottesk, Arabesque, Punto Assisi) durch eine Auswahl an Werken der künstlerischen Direktoren und der wichtigsten Fabrikmeister, die in der Grazia Fabrik zwischen 1922 und 1960 tätig waren: Ubaldo Grazia, Americo Lunghi (1884-1952), Feliciano Mariotti (1899-1981), Serafino Volpi (1897-1963), Francesco Mari (1906-1967), Antonio Barbetti (1908-1982), Luigi Vincioli (1909-1997), Virgilio Spaccini (1916-1996).

5) Künstlerische Keramiken: Sowohl eine kleine Sammlung an Keramiken, die in der Fabrik Virgilio Retrosi um 1926 hergestellt als auch eine Sammlung an Werken, die 1965 von Giuseppe Sebesta gezeichnet wurden.

Das Museum ist daher eng mit der Aktivität der Fabrik verbunden, dessen Produktion im gleichen Fabrikgebäude, 1924 von Ubaldo Grazia und den anderen Teilhabern erbaut, stattfindet. Die Herstellung sowohl als auch die Einrichtungen sind unverändert geblieben und dies macht aus dem Grazia Museum ein eher seltenes Beispiel eines Fabrik-Museums. Das Museum entstand auf Wunsch des Keramikexperten Giulio Busti, die Gestaltung ist dem Architekten Enrico Da Gaii zu verdanken. Das Museum ist Teil des Museumsnetzes der Region Umbrien. Der Besuch ist kostenlos.

(22. Mai 2013)

Info: www.ubaldograzia.it

10 Juni 2013 Redazione UT

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